JLU-Forschende zeigen, wie gezieltes Blinzeln das Sehen verbessert

Im Alltag stimmen Menschen ihr Blinzeln auf schnelle Kopfbewegungen ab und optimieren so die Aufnahme visueller Informationen.

Links: Blick einer Versuchsperson während der Aufgabe, ein Modell aus Bausteinen nachzubauen. Der rote Punkt markiert die gemessene Blickposition. Oben rechts sind die Augen der Versuchsperson zu sehen. Rechts: Beispielhafte Daten; oben die Veränderung der Blickpositionen über die Zeit, unten die Position des Kopfes. Der rote markierte Abschnitt zeigt eine Bewegung der Augen, der lila markierte Abschnitt die Bewegung des Kopfes. Der blaue Abschnitt zeigt einen Blinzeler, der zeitgleich mit der Kopfbewegung stattfindet. Abbildung: Alexander Göttker.

Wann haben Sie zuletzt geblinzelt? Alle paar Sekunden schließen wir kurz die Augen und unterbrechen damit unseren Blick auf die Welt. Meist bemerken wir davon nichts. Mehr noch: Diese kurzen Unterbrechungen scheinen uns bei unseren alltäglichen Tätigkeiten kaum zu stören. Forschende der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) und der University of Texas at Austin (USA) haben eine Strategie identifiziert, die dies erklären könnte: Menschen blinzeln bevorzugt während einer Kopfbewegung – also dann, wenn visuelle Informationen ohnehin weniger zuverlässig und weniger wichtig sind. Die Studie ist in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences” erschienen.

Blinzeln hält die Augenoberfläche feucht und trägt so dazu bei, dass wir klar sehen können. Das hat allerdings seinen Preis: Schätzungen zufolge sind unsere Augen durch das Blinzeln während bis zu zehn Prozent unserer wachen Zeit geschlossen. Frühere Untersuchungen unter kontrollierten Laborbedingungen haben gezeigt, dass Menschen den Zeitpunkt ihres Blinzelns an die Anforderungen einer experimentellen Aufgabe anpassen können. Weitaus weniger war darüber bekannt, wie wir das Blinzeln im Alltag zeitlich abstimmen, wenn sich Augen und Kopf frei bewegen können.

Um dies zu untersuchen, analysierten Dr. Alexander Göttker vom Arbeitsbereich Allgemeine Psychologie an der JLU und Prof. Mary Hayhoe, Ph.D. (University of Texas at Austin) das Verhalten von mehr als 80 Versuchspersonen bei zwei komplexen, alltagsnahen Aufgaben. Die Teilnehmenden bauten Modelle aus Bausteinen nach oder zeichneten Bilder mit Buntstiften ab. Dabei wechselte ihr Blick wiederholt zwischen der Bauanleitung beziehungsweise der Bildvorlage und ihrer eigenen Arbeit. Sie konnten Augen und Kopf frei bewegen und die Aufgaben in ihrem eigenen Tempo bearbeiten.

Mithilfe moderner mobiler Aufzeichnungstechnik und computergestützter Bildanalyse lässt sich das Verhalten auch bei solchen komplexen Tätigkeiten präzise erfassen und quantitativ beschreiben. Insgesamt zeichneten die Forschenden bei den beiden Aufgaben mehr als 38.000 spontan auftretende Blinzler auf. Die detaillierte Analyse zeigte ein bemerkenswertes Muster: Je schneller sich der Kopf bewegte, desto wahrscheinlicher blinzelten die Teilnehmenden. Auch die zeitliche Abfolge war charakteristisch: Kurz vor Beginn einer Kopfbewegung wurde seltener geblinzelt, während der Bewegung dagegen häufiger. Dies deutet darauf hin, dass Menschen ihren natürlichen Blinzelbedarf kurzzeitig aufschieben: Sie halten die Augen offen, während sie Informationen für die Planung ihrer nächsten Bewegung sammeln, und nutzen anschließend die Bewegung zum Blinzeln.

Die Abstimmung zwischen Blinzeln und Kopfbewegungen unterschied sich zudem von Person zu Person. Bei Teilnehmenden, die generell häufiger blinzeln mussten, waren Blinzeln und Kopfbewegungen stärker synchronisiert. Dieses Muster legt nahe, dass Menschen den Zeitpunkt ihres Blinzelns an ihren individuellen Bedarf anpassen: Wer häufiger blinzeln muss, nutzt Kopfbewegungen stärker als eine Gelegenheit dazu.

„Diese Koordination von Blinzeln und Kopfbewegungen ist eine clevere Strategie“, erklärt Göttker, Erstautor der Studie. „Sie ermöglicht es uns, zwei Unterbrechungen der visuellen Informationsaufnahme so zu bündeln, dass sich insgesamt ein Vorteil für das Sehen ergibt.“ Wenn wir den Kopf schnell drehen, um unseren Blick auf etwas anderes zu richten, bewegt sich das Bild auf der Netzhaut rasch und verschwimmt. Das ist vergleichbar mit einer Videoaufnahme, bei der die Kamera schnell geschwenkt wird. Da wir ohnehin regelmäßig blinzeln müssen, kann es zu einem stabileren Seheindruck beitragen, diese Unterbrechung gezielt in Phasen mit weniger verlässlicher visueller Information zu legen. Blinzeln erscheint damit als Teil einer koordinierten Blicksteuerung.

Die Ergebnisse verdeutlichen ein zentrales Anliegen des Exzellenzclusters „The Adaptive Mind“: Sie zeigen, wie wichtig es ist, Verhalten auch bei natürlichen Tätigkeiten jenseits stark eingeschränkter und künstlicher Laboraufgaben zu untersuchen. In kontrollierten Experimenten müssen Versuchspersonen häufig ihren Kopf stillhalten, während sie auf einen Bildschirm schauen. Dabei kann verborgen bleiben, wie Blinzeln, Augenbewegungen und Kopfbewegungen zusammenwirken. Wenn Sie sich also das nächste Mal fragen, wann Sie zuletzt geblinzelt haben, könnte die Antwort lauten: als Sie das letzte Mal schnell den Kopf bewegt haben.

Publikation

A. Goettker und M. Hayhoe (2026). Blinks are strategically coupled with head movements in unconstrained natural gaze behavior. Proceedings of the National Academy of Sciences, 123 (43), e2625566123. https://doi.org/10.1073/pnas.2625566123

Forschungsschwerpunkt "Geist, Gehirn und Adaptives Verhalten"

Im Fokus des Schwerpunkts „Geist, Gehirn und Adaptives Verhalten“ steht die Erforschung der grundlegenden Mechanismen von Wahrnehmung und flexibler Verhaltensanpassung in einer komplexen, sich ständig verändernden Umwelt. Mithilfe interdisziplinärer Methoden aus Psychologie, Neurowissenschaften und künstlicher Intelligenz untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die zugrunde liegenden neuronalen und rechnerischen Prozesse sowie deren Störungen bei psychischen Erkrankungen.

Kontakt

Justus-Liebig-Universität Gießen
Allgemeine Psychologie
Dr. Alexander Göttker